Mission-Drift: Wenn die Mission nicht mehr präsent ist

09. 2018
von Kai Fischer
(Kommentare: 1)

Alle Nonprofit-Organisationen haben eine Mission. Sie ist der Grund, warum eine Organisation, Stiftung oder Sozialunternehmen ursprünglich gegründet wurde. Wenn man sich Gründungsprozesse von Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen anschaut, dann sind sie eine Reaktion auf wahrgenommene Missstände: Kinder gehen nicht in die Schule, sondern müssen arbeiten, Menschen leiden unter Krankheiten, Bedürftige werden nicht versorgt, Tiere werden gequält oder nicht artgerecht gehalten, Menschen haben keinen Zugang zu Bildung oder zur Kultur … Die Liste ließ sich fast beliebig fortsetzen und umfasst alle die Aufgaben, denen sich Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen widmen.

Verletzte Werte

Nur: Wann ist ein Missstand ein Missstand und damit ein Problem, das Menschen zum Handeln motiviert? Ein Missstand ist zunächst eine Verletzung der eigenen Werte. Wir alle haben Vorstellungen, wie Menschen leben sollten, was zu einem guten Leben dazu gehört, wie wir mit anderen Menschen und unserer Natur umgehen sollten. Werden diese Werte verletzt, nehmen wir einen Missstand wahr. Je wichtiger diese Werte für uns sind und je gravierender wir die Verletzung wahrnehmen, desto eher sind wir bereit, uns zu bewegen und zu engagieren – bis hin zur Gründung einer Organisation, Stiftung oder einem Sozialunternehmen.

Dies bedeutet, dass alle Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen gesellschaftliche Verhältnisse verändern oder zumindest deren Folgen für die Betroffenen mindern wollen. Basierend auf den wahrgenommenen Missstand und den damit einhergehenden Werten wird dies als Mission im Gründungsprozess quasi in die Organisation eingeschrieben. Infolgedessen haben alle Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen eine Mission.

Wirksamkeit der Mission

In jungen Organisationen kann man das Vorhandensein und die Wirksamkeit der Mission gut beobachten und erleben. Die Mitarbeiter/innen wissen, warum sie sich hier engagieren, sind bereit, zusätzliche Leistungen zu erbringen und akzeptieren auch eine geringere Entlohnung. Gemeinsam wollen sie Ziele erreichen und die Mission erfüllen.

Allerdings kann man nach einigen Jahren beobachten, dass die Mission verloren geht: In alten Geschichten gibt es noch Hinweise auf die Gründer/innen und ihre Motive. Aber in der Praxis dominiert Anderes: Ziele müssen erfüllt werden, professionelle Standards haben die Mission abgelöst. Es geht um Effizienz und Effektivität, und immer weniger um wahrgenommene Missstände und wie diese gelöst werden können. Manchmal fungieren sie noch als Folie, die das Handeln der Organisation legitimiert.

Missiondrift

Dieser Effekt wird als Missiondrift bezeichnet: Über einen mittleren Zeitraum schwächt sich die Mission ab und wird immer weniger wirksam. Zwei zentrale Gründe für diesen Prozess lassen sich in der Praxis immer wieder beobachten:

  1. Bei zunehmender Bedeutung von Effektivität und Effizienz werden Mitarbeitende benötigt und eingestellt, die stärker professionellen Standards verpflichtet sind. Die Verpflichtung auf die Mission lässt sich immer weniger einfordern und tritt damit stückweise zurück, bis sie ihre Steuerungsfunktion verloren hat.
  2. Wachstum von Organisationen, Stiftungen und Sozialunternehmen erfordert die zunehmende Berücksichtigung von betriebswirtschaftlichen Standards mit entsprechender Arbeitsteilung. Auch dies kann langfristig die Wirksamkeit der Mission zurückdrängen.

Hinzu kommt, dass einige Organisationen und Sozialunternehmen sich als Unternehmen verstehen. Da Unternehmen keine Mission benötigen (auch wenn einige eine haben), besteht beim Verständnis als Unternehmen immer die Gefahr, der Mission immer weniger Bedeutung beizumessen.

Was können Sie gegen eine Missiondrift unternehmen?

Macht sich die Missiondrift als Herausforderung in der Steuerung der Organisation oder im Fehlen einer externen Unterstützung bspw. durch Förder/innen bemerkbar, stellt sich regelmäßig die Frage, wie die Mission reaktiviert werden kann. Hierfür hat sich ein dreischrittiges Vorgehen bewehrt:

  1. Freilegegen der Mission
    Auch bei einer Missiondrift ist die Mission noch vorhanden. Deshalb besteht die Möglichkeit, die Mission wieder freizulegen, zu überlegen, warum die Organisation, Stiftung oder Sozialunternehmen ursprünglich geründet wurde. Dies ermöglicht einen Anschluss an die eigenen Wurzeln
  2. Aktualisierung der Mission
    Häufiger haben sich die äußeren Umstände so verändert, dass der ursprüngliche Missstand in dieser Form nicht mehr gegeben ist. Dann muss die Mission aktualisiert werden. Es wird herausgearbeitet, warum es die Organisation heute noch gibt, was passieren würde, wenn sie nicht existieren würde und welche Missstände heute behoben werden müssen.
  3. Verabschiedung der Mission
    Die aktualisierte Mission erfüllt ihre Funktion, wenn sie in der Praxis gelebt wird. Sie lebt in der Praxis, wenn sie Menschen in und außerhalb ihrer Organisation, Stiftung bzw. Sozialunternehmen begeistert und sie gemeinsam sich auf den Weg machen wollen, diese Mission auch zu erfüllen. Dafür muss sie Zielmarke aller Entscheidungen ebenso sein wie die Basis gemeinsamer Aktivitäten. In der Kommunikation ist sie der Markenkern und damit zentrales Element aller Kommunikation.

Fazit

Wenn Sie also feststellen, dass es Ihnen schwerfällt, Menschen zu begeistern, kann dies an der Missiondrift liegen. Dies ist dann der Zeitpunkt, an welchem über eine Aktualisierung Ihrer Mission nachzudenken, um wieder von den positiven Effekten der Mission profitieren zu können. Ein Revitalisierungsprozesss stärkt Ihre Organisation ebenso wie Fundraising und Marketing.

Eine nachhaltig finanzierte Zivilgesellschaft, die die Welt ein Stück besser macht und ohne Ausbeutung und Selbstausbeutung auskommt, ist die Mission von Dr. Kai Fischer. Deshalb beschäftigt er sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Aufbau langfristiger Beziehungen zu Förder/innen und bietet hierfür Strategie-Beratungen, Inhouse-Workshops und Seminare an.

 

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Kommentar von Horst Scheurenbrand |

Es braucht Mut, das Thema Mission in einer gewachsenen NGO tatsächlich anzugehen!

Ich stärke diese These zur Mission. Sie zeugt von dem Gründergeist, der Menschen anzieht und bewegt. Ökonomie und Mission bilden ein gesundes Spannungsfeld, in dem sich Mitarbeitende in einer NGO bewegen. Ich erlebe es selbst: Durch die Arbeit an der Mission erneuert sich das Denken und das Kapital folgt. Nach dem Motto: Der Geist bestimmt das Kapital!