5 Gründe, warum sich Menschen in der Flüchtlingshilfe engagieren

12. 2015
von Kai Fischer
(Kommentare: 0)

Seit dem Sommer steht Deutschland vor einer einmaligen Willkommenskultur: Mehrere hunderttausend Flüchtlinge und Migranten kommen nach Deutschland und viele Menschen helfen spontan: Sie organisieren Kleidung und etwas zu essen, sie sorgen für Übernachtung und ärztliche Versorgung, sie sorgen für Betreuung und ermöglichen ein erstes Ankommen. Sie spenden Zeit, Geld und Dinge, die dringend benötigt werden - und auch Dinge, die nicht so wirklich benötigt werden. Und was mindestens genauso faszinierend ist: Die Hilfe findet auch außerhalb der üblichen Strukturen statt und hält schon sehr lange an.

Damit stellt sich die Frage: Warum engagieren sich so viele Menschen über eine so lange Zeit für ankommende Flüchtlinge

  • Flüchtlinge sind in einer akuten Notsituation

Menschen in einer akuten Notsituation zu helfen, ist eine der stärksten Normen, die wir kennen. Ohne sie würden Gesellschaften nicht funktionieren, gäbe es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt und keine Gemeinschaften. Gesellschaften würden schlicht zerfallen. Diese Norm zur Hilfe gegenüber dem in Not geratenen Fremden ist schon sehr alt und in allen großen Religionen dieser Welt kodifiziert.

Und dass Flüchtlinge, denen die Strapazen ihrer Flucht anzusehen ist, die hier mit unpassender Kleidung landen, in unmittelbarer Not sind, ist unbezweifelbar und kann man an jedem Bahnhof sehen.

  • Die Not findet vor der eigenen Tür statt

Der Krieg in Syrien befindet sich mittlerweile schon im fünften Jahr und die Not der Menschen in allen Kriegs- und Bürgerkriegsregionen hat zugenommen. Trotzdem reagieren wir in dieser Form erst, wenn die Not vor unserer Tür steht. Sie ist konkret erfahr- und erlebbar. Die vielfältigen Möglichkeiten, mit denen wir unsere Verantwortung negieren können, sind so kaum noch anwendbar. Die Norm zur Hilfe und die Folgen des Wegschauens werden im eigenen Umfeld erlebt.

In diesem Punkt spiegelt sich ein interessanter Zusammenhang, der sich im Fundraising immer wieder beobachtet lässt: Je näher die Not ist, desto größer ist die Hilfe. Das lässt sich an Opfern von Naturkatastrophen – die Spenden sind höher, wenn Flüsse in Deutschland über die Ufer treten – wie auch bei der Unterstützung von Flüchtlingen beobachten.

  • Engagierte erleben sich als selbstwirksam

Wer sich für Flüchtlinge engagiert, erlebt, dass er oder sie direkt und unmittelbar etwas machen kann, das hilft: Flüchtlinge bekommen Kleidung, Essen oder eine medizinische Versorgung. Jede Spende ist unmittelbar wirksam: Als Sachspende wird sie dringend benötigt, jede Geldspende ermöglicht Hilfe und Unterstützung.

Selbstwirksamkeit einer immer stärker arbeitsteiligen Gesellschaft, in der wir uns immer stärker nur als Teil erleben, als Rad in einem größeren Getriebe, ist ein starkes Motiv. Der Wunsch, etwas zu gestalten und auch das Ergebnis der eigenen Arbeit zu sehen, macht am Ende auch einen Menschen aus. Damit werden die dankbaren Augen am Ende nicht nur zu einer positiven Bestätigung, sondern zeigen auch, dass man mit seinem Engagement etwas erreichen konnte.

  • Die Möglichkeit, etwas weiter zu geben

Für Flüchtlinge engagieren sich auch Menschen, die selbst Erfahrungen mit Migration – selbst oder indirekt über zugewanderte Familienmitglieder – haben. Sie wissen, wie es sich  anfühlt, fremd zu sein und anzukommen. Sie kennen die Fragen, die Flüchtlinge haben, und die Schwierigkeiten, sich zu orientieren.

Eigene positive Erfahrungen werden weitergegeben, eigene negative Erfahrungen können positiv gewendet werden, damit die neuankommenden Flüchtlinge nicht dieselben Erfahrungen machen müssen. Damit wird aus der Hilfe für Flüchtlinge ein Engagement über kulturelle, religiöse und soziale Grenzen hinweg.

  • Die Helfenden erleben Sinn

Sich zu engagieren, eine Mission mit anderen umzusetzen, schafft am Ende eine Gemeinschaft der Helfenden und ermöglicht jeden Einzelnen, Sinn zu erleben. Beides sind zentrale Aspekte, die beim Engagement immer wieder eine Rolle spielen. Sinn und Gemeinschaft werden ansonsten in unserer Gesellschaft immer weniger erlebt.

Was können Fundraiser/innen hieraus lernen?

Die Ausführungen zeigen dreierlei:

  • Basis der Hilfe ist die Gebe-Logik der Solidarität und des solidarischen Handelns. Dies basiert auf einer starken gesellschaftlichen Norm, über welche gesellschaftliche Ressourcen – in diesem Fall für Flüchtlinge – mobilisiert werden können.
  • Gleichzeitig ist das Handeln durch weitere persönliche Faktoren konkretisiert: Einige Helfende geben Erfahrungen weiter, andere erleben sich als selbstwirksam, erfahren Sinn oder erleben sich in Gemeinschaft mit anderen Helfenden. Hieraus ergeben sich vielfältige und individuelle Motive des Helfens und des Engagements.
  • Die räumliche Nähe ist ein Verstärker des Handelns, da es immer weniger Möglichkeiten gibt, sich der Not der Flüchtlinge zu entziehen.

Damit wird deutlich: Wer konkretes Handeln von Förderern und Unterstützern verstehen will, muss auf mindestens drei Ebenen schauen: Nach der Gebe-Logik als Basis des Gebens, den Verstärkern des Handelns und den Nutzen, die Förderer aus ihrem Engagement ziehen können.

 

Dr. Kai Fischer beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit der Frage, warum Menschen spenden. Es ist seine Absicht, eine Basis zu schaffen, um Fundraising konzeptionell weiterzuentwickeln. In seiner Dissertation ist er dieser Frage theoretisch nachgegangen und hat das Konzept der Gebe-Logiken entwickelt.

 

Zurück

Einen Kommentar schreiben