Warum spenden Menschen für Cafés, Bars und Musikclubs – und was sagt uns das für’s Fundraising?

04. 2020
von Kai Fischer
(Kommentare: 2)

Schon gleich in den ersten Tagen nach dem Lockdown fiel auf: Menschen wollen für ihre stark von der Krise betroffenen Lieblingscafés, -Bars und Clubs spenden und sie unterstützen. Ohne eine Leistung zu erhalten, wollen sie, dass diese Orte überleben und zeigen ihre Solidarität. Was steckt hinter diesem Wunsch zu helfen?

Solidarität

Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, ist zu helfen. Dies ist eine der stärksten sozialen Normen, die wir haben und die für ein Funktionieren von Gemeinschaften unverzichtbar ist. Im Gegensatz zu vielen Neoliberalen mit ihren Vorstellungen vom eigensüchtigen Menschen (den gibt es natürlich auch) sind Menschen zutiefst soziale Wesen und auf Unterstützung von und Kontakt zu anderen Menschen angewiesen. Und diese zeigt sich nicht zuletzt in solidarischem Handeln untereinander.

Durch den Lockdown wurde den Betreibern der gesamte Umsatz entzogen. Sie geraten damit, für jeden sofort nachvollziehbar, in eine existenzielle Krise, für die sie selbst nichts können. Hier solidarisch zu helfen, ist ein Gebot der Stunde.

Verbundenheit

In der Spende für Cafés u.a. drückt sich noch etwas anderes aus. Diejenigen, die spenden, zeigen damit auch ihre Verbundenheit. Sie wollen, dass die Orte, die ihnen etwas bedeuten, die für sie wichtig sind, überleben. Sie wollen auch nach der Krise wieder den Menschen begegnen, die den Tag zu etwas Besonderem machen.

Der Ausdruck von Verbundenheit – und auch Anerkennung für die bisherige Leistung – schwingt auch bei vielen Spenden mit. Denn Spenden sind in erster Linie symbolische Handlungen. Mit ihnen manifestieren sich Beziehungen und sie zeigen immer auch die Anerkennung des Anderen.

Zurückgeben

Eng verwoben mit der Verbundenheit ist der Wunsch etwas zurückzugeben. Denn vielfach bekommen Menschen in ihren Lieblingscafés, -Bars, -Clubs und -Restaurants mehr als nur einen Kaffee, einen Eisbecher oder ein Essen bzw. Drink. Etwa einige besondere Stunden oder soziale Kontakte jenseits des Alltags.
Das macht das Besondere der Lieblinge aus: Sie sind für uns bedeutende Orte, weil wir Dinge bekommen, die tieferliegende Bedürfnisse befriedigen und die auf keiner Karte stehen. Sie unterscheiden sich in diesem Punkt von allen anderen Cafés, Clubs, Restaurants.

Mit der Spende in einer Notsituation besteht auch die Möglichkeit, auf dieser tiefen emotionalen Ebene etwas zurückzugeben. Jemand, von dem man längere Zeit gerne genommen hat (und der vermutlich immer gern gegeben hat), kann man jetzt unterstützen und die Beziehung kehrt sich um: Aus den Nehmenden werden Gebende. Moralische Verschuldungen werden abgetragen und Beziehungen werden vertieft.

Wie wollen wir leben?

Und nicht zuletzt spielt auch die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, eine wichtige Rolle: Wie sieht unsere Stadt, unser Viertel oder Kiez aus, wenn die ganzen kleineren Läden, die den Charme ausmachen, verschwinden? Wenn nur Ketten mit viel Kapital (oder noch mehr staatlicher Unterstützung) überleben und noch stärker unser alle Leben dominieren?
Wer also auch in Zukunft wieder in kleineren Läden einkaufen oder hingehen möchte, muss dann auch mithelfen, dass diese Infrastruktur erhalten bleibt. Und das geht am einfachsten, wenn man den Betreibern die Solidarität versichert und zeigt, dass man an sie denkt und ihnen damit Mut macht, in dieser schwierigen Zeit durchzuhalten.

Was sagt das über Fundraising aus?

Zunächst zeigt die Krisensituation auch im Fundraising, für wen wir bedeutsam sind. Und sie zeigt, wer trotz wirtschaftlich angespannter Zeiten bereit ist, sich solidarisch zu verhalten und zu helfen, dass Organisationen und Projekte überleben und auch in Zukunft wieder ihren wichtigen Aufgaben nachgehen können.

Damit wird die Krisensituation zu einem Indikator für Bindung: Je besser die Förder/innen gebunden sind, je wichtiger Sie für sie sind, desto eher werden sie bereit sein, sich auch in dieser Situation finanziell zu engagieren.

Das zeigt auf der anderen Seite aber auch, wie wichtig qualitativ hochwertige langfristige Bindungen sind. Gemeinsam die Welt verändern und gesellschaftliche Probleme lösen, die besonderen Erfahrungen, die Sie vermitteln und die Beziehungen, die aufgebaut wurden, bilden die Basis der nachhaltigen finanziellen Stabilität. Und ob es gelungen ist, zeigt sich nirgendwo so deutlich wie während einer Krise.

Und damit steht die strategische Herausforderung, die im Fundraising gelöst werden muss, fest: Der Aufbau langfristig tragfähiger Beziehungen zu Menschen ist die zentrale Aufgabe, nicht das Einwerben von einzelnen Spenden. Denn beides ist nicht dasselbe – wie Spenden an Cafés u.s.w. während der Corona-Krise zeigen.

Wir freuen uns über jeden, der mit uns über Möglichkeiten, das eigene Fundraising auf eine neue Stufe zu heben, sprechen möchte. Melden Sie sich gern. Wir sind auch während der Krise für Sie da.

 

Eine nachhaltig finanzierte Zivilgesellschaft, die die Welt ein Stück besser macht und ohne Ausbeutung und Selbstausbeutung auskommt, ist die Mission von Dr. Kai Fischer. Deshalb beschäftigt er sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Aufbau langfristiger Beziehungen zu Förder/innen und bietet hierfür Strategie-Beratungen, Inhouse-Workshops und Seminare an.

 

Ökonomie des Fundraisings

White Paper: Die Bedeutung der Retention-Rate für den Fundraising-Erfolg

In seinem aktuellen White Paper zeigt Dr. Fischer, warum es beim Erfolg vor allen Dingen auf die Retention-Rate ankommt. Schon geringe Erhöhungen der Wiederspende-Rate kann langfristig bis zu dreimal höheren kumulierten Überschüssen führen.

Link zum White Paper: Die Bedeutung der Retention-Rate für den Fundraising-Erfolg (PDF)

 

Fachbuch „Mission-based“ Fundraising erschienen

Wie man nachhaltigen Erfolg im Fundraising mit langfristigen Beziehungen zu Förder/innen schafft, ist das Thema des neuen Buches von Kai Fischer. Mehr über das Buch gibt es hier zu erfahren: http://fundraising.mission-based-verlag.de

 

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Kommentar von Harald Schilbock |

Sehr geehrter Herr Dr. Fischer,
können Sie Ihren Verweis auf die »vielen Neoliberalen mit ihren Vorstellungen vom eigensüchtigen Menschen« konkreter fassen?
Wen genau meinen Sie damit?
Sollen es die Anhänger jener Partei sein, die eher mit schwindender denn wachsender Bedeutung zu kämpfen hat?
Schätzen Sie diese Gruppe als von von Grund auf eigensüchtig ein, oder kalkulieren Sie auch ein, dass ein(e) Neoliberale(r) sich auch als SpenderIn engagiert?
Und schließlich:
Kennen Sie den historischen Ursprung dieser Zuschreibung?

Kommentar von Ralf Vom Baur |

Hallo, ein interessanter Artikel, mit guten Aspekten und zur Überleitung der Bedeutung der Donor Journey, die neben der Gewinnung von Förderern sicher die größte Bedeutung hat.
Dass Sie sich durch Ketten dominiert fühlen überrascht mich sehr. Was mich noch wunderte ist, dass Sie bei ihrer sonst so wertschätzenden, angenehmen Ausdrucksweise, Neoliberale Menschen undefiniert und fast pauschaliert als Personen sehen, die in erster Linie eine Vorstellung vom eigensüchtigen Menschen haben.