5 Fragen an Kai Fischer: Warum Menschen spenden

Frage: Lieber Kai Fischer, der Titel Ihres aktuellen Buches lautet: „Warum Menschen spenden. Der Titel verspricht viele Antworten. Welche darf der Leser erwarten?

Kai Fischer: Zunächst einmal die Antwort, warum Menschen spenden. Mein Vorschlag lautet, dabei drei Ebenen zu unterscheiden. Mit Gaben und Geben bauen wir Beziehungen auf, symbolisieren sie und vergewissern uns unserer Netzwerke. Das ist beim Spenden nicht anders. Nur lassen sich verschiedene Formen von Beziehungen ausmachen, die ich als Gebe-Logiken bezeichne. Erst auf Basis der Gebe-Logiken lassen sich Spenden überhaupt verstehen und unterschiedliche Formen unterscheiden – und damit im Fundraising bewusst nutzen.

Dann spielen Organisationen und Fundraiser/innen eine wichtige Rolle. Sie inszenieren Gebe-Logiken und bitten um Spenden. Damit machen sie Beziehungsangebote, in die sie anschließend auch eingehen müssen. Erst dann lassen sich langfristige Beziehungen und Netzwerke aufbauen.

Schließlich sind Spender zu betrachten, die auf Bitten und Inszenierungen reagieren und dann spenden. Dabei reagieren sie eben auch auf die Beziehungsangebote und die Gebe-Logiken. Wer worauf reagiert, ist von den jeweiligen Persönlichkeiten, Erfahrungen und der Möglichkeit, Sinn zu erfahren mit abhängig. Damit entsteht ein relativ komplexes Modell, das zu erkennen hilft, dass wir es eben nicht mit Marketing und einfachen Reiz-Reaktions-Mechanismen zu tun haben.

                                       

Frage: Das Buch begründet, warum Spenden als Gaben betrachtet werden können. Es zeichnet historisch nach, dass uns Menschen das Schenken und Geben vertraut ist, dass es menschheitsgeschichtliche Wurzeln hat und dass wir es durchaus mit einer Funktion verbinden. Ist Geben denn nun ein freier Akt oder ist es immer mit einem Zweck verbunden?

Kai Fischer: Beides und das gleichzeitig. Jede Spende ist wie jede Gabe frei. Sie kann gegeben werden oder auch nicht. Aber die Entscheidung zu geben – oder eben auch nicht – hat eine Konsequenz. Gebe ich für Flüchtlinge, kann das zu einem positiven Selbstbild führen, aber auch zu einer symbolischen Erhöhung, da Flüchtlinge, die bei uns ankommen, nichts zurückgeben. Oder besondere Anstrengungen bei der Integration machen, damit sie etwas zurückgeben können. Und wenn ich gebe, gehe ich Beziehungen ein – zu anderen Gebern und eventuell zu den Zuwanderern. Ich bin dann Teil des „hellen Deutschlands“ und setze ein Zeichen gegen Fremdenhass und Ausgrenzung. Aber ich muss natürlich nicht spenden und verzichte dann aber auch auf die möglichen Beziehungen. In dieser Entscheidung bin ich frei.

 

Frage: Eine Spende wird im Buch nicht nur als helfende Interaktion verstanden, sondern als Investition in zivilgesellschaftliche Gestaltung. Welche Macht hat der Spender denn?

Kai Fischer: Zivilgesellschaften haben auch eine emanzipatorische und machtvolle Seite. Schließen Bürger/innen sich zusammen und poolen sie ihre Ressourcen, können sie zumindest punktuell ein Gegengewicht zum Staat bilden und sich auch der staatlichen Regulierung ein Stück weit entziehen. Dadurch können Bürger/innen auch jenseits politischer Entscheidungen wirksam in die Entwicklung der Gesellschaft eingreifen. Bürgerschaftliches Engagement braucht nicht staatliche Regulierung, wie die vielen Beispiele der aktuellen Flüchtlingshilfe zeigen. Es stellt sich aber regelmäßig die Frage nach der Legitimation. Und Engagement von Bürger/innen ist nicht immer gut und dient auch nicht immer dem Allgemeinwohl, wie die „dunkle Seite“ Deutschlands im Moment auch zeigt.

 

Frage: Warum verwenden Sie den Begriff „Gebe-Logiken“? Reicht es nicht, von einem Motiv zu sprechen, das einen Spender bewegt, etwas zu geben?

Kai Fischer: Ich finde den Begriff „Motiv“ unangemessen. Zum einen legt er ein Reiz-Reaktions-Schema nahe: Es lässt sich eine Handlung beobachten und dafür muss es ein Motiv geben. Dann wäre das Motiv die Ursache oder der Grund für die Handlung. Es zeigt sich jedoch, dass der Entscheidungsprozess beim Spender viel komplexer ist und sich nicht auf Motive reduzieren lässt. Da sind Gebe-Handlungen mit persönlichen Identitäten verknüpft: Wer von sich selbst ein Bild als Christ hat, muss eben auch christlich handeln und spenden, um im Selbstbild konsistent zu bleiben. Zusätzlich lässt sich menschliches Handeln immer ein Stück weit manipulieren – wenn wir Matching-Funds nutzen oder einen der anderen Verstärker. Diese Reaktionen sind kaum steuerbar, da sie tief in uns verankert sind. Das sind dann jedoch keine Motive mehr.

Zum anderen greift der Begriff zu kurz. Damit sind die Entscheidungsprozesse beim Spender angesprochen. Gebe-Logiken beziehen sich jedoch auf soziale Prozesse, die hinter dem Spenden stehen, bzw. sich im Spenden vollziehen. Diese Prozesse, die eine erhebliche Bedeutung für das Spenden haben, werden bei der Frage nach den Motiven systematisch ausgeblendet. So kann sich Fundraising nicht weiterentwickeln. Und hierin liegt letztendlich der Grund für das Buch.

 

Frage: Was hat Sie selbst am meisten beim Erarbeiten der Inhalte überrascht? Womit hatten Sie vorher nicht gerechnet?

Kai Fischer: Da gibt es zwei Punkte: Zum einen die Dialektik bei der Hilfe von Menschen in Not, eine der ältesten Gebe-Logiken. Häufig sind hierbei Erwiderungen ausgeschlossen, sodass sich das Verhältnis von Geben und Nehmen nicht umkehrt. Dann zeigt sich in einer zutiefst humanitären Handlung gleichzeitig auch eine soziale Über- und Unterordnung: Der eine gibt und der andere nimmt und der Gebende zeigt darin seine ökonomische Überlegenheit, aus der sich soziale Über- und Unterordnungen ableiten und zeigen. Gleichzeitig ist der Nehmende aber nicht zwingend das Opfer, sondern kann sich in der sozialen Unterordnung so verhalten, dass die Wahrscheinlichkeit von Gaben sich erhöht, ohne dass der Gebende Möglichkeiten findet, sich der Gabe zu entziehen. Das finde ich ein spannendes soziales Verhältnis, mit welchem sich viele derzeitige Diskussionen über Flüchtlinge erklären lassen.

Nicht erwartet habe ich auch den starken Zusammenhang von personaler Identität und Spenden bei einigen Gebe-Logiken. Das reicht vom Christen, Moslem, Juden, Hindu … die geben, um damit eben nicht nur die Gebote erfüllen, sondern sich damit gleichzeitig in ihrer religiösen Identität bestärken. Oder die Hamburger Patrizier, die sich als städtische Oberschicht um die Belange der Stadt kümmernd geben, damit ihre ökonomische Potenz sozial adäquat zeigen und sich hierin als städtische Oberschicht erst verstehen. Diese Zusammenhänge finde ich für Fundraising unglaublich spannend.

 

Vielen Dank für die Antworten

 

Stephanie Harm & Dr. Kai Fischer

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