Ist das Großspendenpotenzial in Deutschland schon ausgeschöpft?

In den letzten Jahren gab es im deutschen Fundraising ein zentrales Thema: Großspenden-Fundraising. Einmal davon abgesehen, dass bis heute nicht klar ist, was unter einer „Großspende“ zu verstehen ist (einige Organisationen fangen schon bei 1.000 € Spendensumme an, von Großspenden zu sprechen), beflügelt Großspenden unsere Phantasie: Großspenden versprechen weniger Aufwand – es müssen weniger Menschen angesprochen und gewonnen werden – und deutlich höhere Umsätze. Damit dürfte nicht nur der ROI steigen, sondern auch deutlich größere Summen in die Projekte und Programme fließen.

Großspenden „lohnen“ sich

Auch wenn schnell darüber Einigkeit herrscht, dass sich Großspenden „lohnen“ dürften, blieb doch die Frage, wie man Kontakt zu potenziellen Großspender/innen aufbauen und Beziehungen gestalten kann. Auch hierfür gibt es unterschiedliche Vorschläge und Best Practices. Unabhängig davon sehen sich viele Fundraiser/innen mit dem Aufbau von Kontakten überfordert, da traditionelle Formen der Ansprache selten funktioniert haben und Großspenden in der Regel über persönlichen Kontakt gewonnen werden.

Daten über Großspender

Was bis heute nie hinterfragt wurde: Gibt es überhaupt noch Potenzial für Großspenden? Um diese Frage beantworten zu können, fehlten lange belastbare Daten. In den Zahlen der „Bilanz des Helfens“ sind explizit keine Spenden von mehr als 2.500 € enthalten. Und das Gefühl sagte, dass es doch immer noch Großspender geben müsste, die bisher nicht gespendet haben.

Im Dezember hat das Statische Bundesamt eine Sonderauswertung der Einkommenssteuerstatistik in Bezug auf Spenden für das Jahr 2015 vorlegt. Spätere Daten liegen noch nicht vor, da es drei Jahren dauert, bis verlässliche Daten bei den Finanzämtern vorhanden sind. Aufgrund langer Fristen und Einsprüchen sind die meisten Steuererklärungen nach drei Jahren bestandskräftig und können statisch ausgewertet werden. In ihrer Forschungsarbeit korrigieren die beiden Forscherinnen nicht nur die bisher übermittelten Daten zur Spendenhöhe in Deutschland. Aufgrund von Mehrfachzählungen – verursacht durch Spendenvorträge – sind die bisher veröffentlichten Daten etwa doppelt so hoch wie tatsächlich geleistet. Nach der Neuberechnung liegt der Gesamtbetrag bei 5,53 Mrd. € in 2015, wobei im Durchschnitt 540 € pro Spendenden gegeben wurde. Da der Median – die Summe bis zu der 50% der Spendenden gegeben haben – bei 120 € liegt, zeigt dies schon, welche große Bedeutung Großspenden in Deutschland haben.

Die Spenden der Einkommensmillionäre

Die beiden Autorinnen haben nicht nur die Spendensumme neu berechnet, sondern sich die Gruppe der Spendenden genauer angeschaut. Dabei fällt besonders die Gruppe der Vermögenden auf: Die Einkommensmillionäre – Steuerpflichte, die mehr als 1 Mio. € Einkünfte haben – sind für 42% aller Spenden verantwortlich. Diese Gruppe umfasst etwas mehr als 21.000 Steuerpflichte (von mehr als 27,5 Mio. Steuerpflichtigen insgesamt), mit einem durchschnittlichen Einkommen von 2,7 Mio. €. Die Mehrzahl dieser Gruppe ist als Spender/in aktiv: 87% haben Spenden in ihrer Einkommensteuer geltend gemacht. Im Durchschnitt betrugen ihre Spenden 40.000 € im Jahr, was 1,5% des Einkommens entspricht.

Diese Durchschnittszahlen sagen wenig über die Leistungen der einzelnen Großspender/innen. Sie sind auch verantwortlich für viele Spendenvorträge. Zu Spendenvorträgen kommt es immer dann, wenn mehr gespendet als im Jahr abgesetzt werden konnte. Die Grenze, bis zu der Spenden abgezogen werden können, liegt bei 20% des zu versteuernden Einkommens.

Wo das Potenzial am größten ist

Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wenn 87% der Einkommensmillionäre heute schon spenden und im Schnitt 1,5% ihres zu versteuernden Einkommens geben, wie groß ist hier noch das Potenzial? Dass im Durchschnitt mehr als 2% des Einkommens gegeben wird, ist kaum zu erwarten, wie internationale Erfahrungen zeigen. Und wenn 87% der Einkommensmillionäre schon spenden, dann ist die Gruppe, die noch nicht gibt, nicht sehr groß: Etwas mehr als 2.500 Einkommensmillionäre haben 2015 nicht gespendet. Damit dürfte es schwierig werden, bei dieser Gruppe neue Potenziale zu erschließen.

Fazit

Das größte Potenzial liegt nach der Auswertung der Einkommensteuerstatistik wohl nicht bei den Einkommensmillionären, sondern eher bei Menschen mit einem mittleren Einkommen. Hier liegt der Anteil der Spendenden an den Steuerpflichtigen unter 50% und – das dürfte für das Fundraising besonders relevant sein – sie geben deutlich weniger als 1% ihrer Einkünfte.

 

Die vollständige Studie: Ulrike Gerber/ Kathrin Kann: Wer spendet wieviel? Untersuchungen zur Spendenbereitschaft und Spendenhöhe mit dem Taxpayer-Panel, Wiesbaden 2019 können Sie hier downloaden.

Eine nachhaltig finanzierte Zivilgesellschaft, die die Welt ein Stück besser macht und ohne Ausbeutung und Selbstausbeutung auskommt, ist die Mission von Dr. Kai Fischer. Deshalb beschäftigt er sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Aufbau langfristiger Beziehungen zu Förder/innen und bietet hierfür Strategie-Beratungen, Inhouse-Workshops und Seminare an.

 

Stephanie Harm & Dr. Kai Fischer

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